Manchmal vermisse ich mein schlechtes Gewissen. Nachdem ich etwas getan habe, was ich vielleicht nicht hätte tun sollen, kommt es nicht mehr zu mir. Ich vermisse es, mich so richtig schlecht zu fühlen. Früher war dieses Gefühl schon die halbe Strafe: Sich zutiefst zu schämen. Ich fühle es nicht mehr! Und manchmal habe ich Angst. Angst, dass dieses Schamgefühl eigentlich eine gute Funktion hatte und mich jetzt nicht mehr vor Dummheiten bewahrt. Wie soll ich sonst merken, dass ich auf dem falschen Weg bin? Ist das der Anfang vom Untergang?
Ich bin mit dem Begriff „Sünde“ vertraut. Ich weiss, dass ich Dinge in mir trage, die nicht gut sind. Da ich aber mit einem Grundgefühl aufgewachsen bin, dauerhaft übermässig Schlechtes im Sinn zu haben, kann ich heute nicht unterscheiden, was wirklich kategorisch schlecht ist und was nur mein innerer Kritiker als „geht ganz und gar nicht“ bewertet. Ich weiss es einfach nicht. Mein innerer Kompass lügt mich regelmässig an. Er baut so viel Druck auf, dass ich gar nicht mehr handlungsfähig bin. Hinter all den lauten Schreien ist ein kleines Kind, welches verängstigt in der Ecke sitzt und weint. Und in diesem Gefühlschaos soll ich Entscheidungen für mein Leben treffen!? Wohl kaum.
Da ist also noch kein roter Faden in mir. Ich kenne aber die Konsequenz aus meiner Geschichte: Mein Nervensystem kann den Begriff „Sünde“ nicht verarbeiten. Und manchmal wünschte ich, Christen könnten das nachvollziehen. Dass ihre Argumentation mit Sünde bei ganz vielen Menschen, deren Kompass zertrampelt wurde, nicht gut landen kann. Dass ihre Kritik auf geschlossene Türen trifft, weil sie die Sprache ihrer Vergangenheit spricht.
Versteh mich nicht falsch: Ich möchte das Evangelium nicht verändern. Aber die Art und Weise, wie wir es transportieren. Die Begegnung mit dem, der Leben ist, wird Leben hervorbringen. Leben kann aber nur fliessen, wenn es nicht mit den Mitteln überbracht wird, die uns den inneren Tod gebracht haben. Oder mit anderen Worten: Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht hat mit Strafe zu tun; wer sich nun fürchtet, ist nicht vollkommen geworden in der Liebe.
Ja, der Sender ist verantwortlich dafür, wie er eine Botschaft transportiert. Es scheint mir lieblos, wenn versucht wird, eine Schablone auf alle zu setzen. Wir machen uns mit schuldig, wenn wir für die Wahrheit kämpfen, ohne anzuschauen, auf welche Herzen sie fällt. Wir können uns darin üben, Unterschiedlichkeit weniger zu werten und Feinfühligkeit lernen, damit sie Begegnung ermöglicht. Es ist wirklich nichts schlimm daran, nett zu sein. Auch ich musste das lernen.
In der christlichen Welt gibt es immer wieder Charaktere, die meinen, es wäre gesund, seinem Gegenüber möglichst viel harte Kost reinzudrücken. Aber jemand, der seine Nahrung nicht halten kann, wird auch vom ständigen Füttern nicht satt. Aus Erfahrung weiss ich: Ich kann sie nicht kauen und mir wird übel davon! Und die Wahrheit ist: Es tut weh. Mir wird regelmässig schlecht von überheiligen Worten. Und dann kotze ich alles wieder aus, weil ich versucht habe, von heute auf morgen perfekt zu sein.
Plötzlich mache ich wieder nur äusserlich Fortschritte, anstatt in meinem Tempo wachsen zu dürfen! Ich falle in Muster, deren Formen mir aus der Vergangenheit vertraut sind. Ich bin viel zu stark programmiert, um nicht auf Frömmigkeit zu reagieren. Der Begriff der Sünde katapultiert mich zurück in Verhaltensweisen, die destruktiv sind. Ohne dass ich in der Liebe vollkommen geworden bin, ist der Kritiker nur am Zerstören, nicht am Wiederaufbauen! Und währenddessen ich durch Worte anderer heruntergezogen werde wie mit schweren Steinen, muss ich sachlich erklären, warum es jetzt gerade nicht cool ist und mein System „Error“ anzeigt. Das macht unendlich müde! Ich gehe den Weg trotzdem, weil ich vergeben möchte. Ich vergebe denen, die sich nicht in mich hineinversetzen können. Die nicht wissen können, woher ich komme …
Ein Evangelium aus der vollkommen gewordenen Liebe heraus – es ist eine Lebensaufgabe, eine solche Liebe begreifen zu können. Ein Weg, wie diese Liebe in mein Herz kommt, ist zu verstehen, dass Gott mir Zeit gibt. Zeit, ihn zu entdecken und meine Gefühlswelt in seine zu integrieren. Ich möchte mich verantwortlich zeigen für meine Wahrnehmung und sie liebevoll korrigieren lassen – weil sie nicht intuitiv funktioniert. Auf diesem Heilungsweg kann sich Gott offenbaren. Es ist aber vordergründig für mich kein Kampf gegen die Sünde, sondern eine Integration meines Kompasses in seinen Kompass. Und mir ist das nur möglich, wenn ich meinen Kritiker in den Urlaub schicke, wenn mein Gott nicht so klingt wie meine Vergangenheit. Ja, oft auch wie meine Gegenwart – vor allem an den Tagen, an denen bibeltreue Christen mich warnen wollen.
Es gibt viele wie mich. Auch wenn die psychische Gesundheit nicht zu einer Ausrede werden darf und ich meine Verantwortung nicht untergrabe, bin ich froh: Froh, nicht mehr diese Scham spüren zu müssen. Die Scham, die nicht befreit hat, sondern gelähmt. Ich bin froh, dass mein innerer Kritiker manchmal schon von alleine entscheidet, wegzubleiben, weil er keine Angriffsfläche mehr findet. Weil der Frieden und die Liebe Gottes mein Zuhause geworden sind. Ich bin froh, dass Gott keine Angst davor hat, mich freizulieben – mit dem Risiko, dass ich diese Liebe ausnutzen werde. Weil es die Chance in sich birgt, dass ich mit ganzer Hingabe zurückkommen werde!
Mein Nervensystem ist kein kleiner Anteil davon, wie für mich Glaube funktioniert. Wenn Christen nicht mit ihrer Biografie arbeiten und ihre Wahrnehmung schulen dürfen, bleiben Reifeprozesse auf der Strecke. Wer nicht weiss, warum gewisse biblische Begriffe oder Frömmigkeitsformen die inneren Dominosteine zu Fall bringen, der wird auch in Zukunft nicht handlungsfähig werden. Nur, wer sich die Zeit nehmen darf, um aufzuarbeiten, den Gespenstern ins Gesicht zu schauen und neu zu definieren – der kann auch dort ankommen, in der ganzen Fülle des Evangeliums.
Ich kann gewisse Aspekte des Glaubens innerlich nicht gut verarbeiten. Sie sind durch meine Geschichte einfach nicht lebensspendend. Ich weiss, dass Gott für mich trotzdem kein anderes, eigenes Evangelium hat. Aber in seiner Gnade und Geschicktheit weiss er dennoch, wie er mir begegnet. Er gibt mir kein verweichlichtest Evangelium, aber eines, welches den Aggregatzustand ändern kann, sodass es in mein Herz und in meine Zukunft passt. Mein Gott ist feinfühlig genug, die Botschaft seiner Liebe so zu übersetzen, dass sogar die Wunden meiner Seele sie aufnehmen kann. Das ist für mich die reinste Form des Evangeliums: Eine Botschaft, die im Wandel ist, weil ich im Wandel bin – und sich dennoch nie verändert. Diese Flexibilität gibt mir Hoffnung. Und sie birgt das Geheimnis, wirklich jeden retten zu können. Auch dich.